Ohne Nostalgiebrille: Was diese deutschen Filme nach Jahrzehnten immer noch können
Photo: Rocdejac, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Es gibt diesen Moment, wenn man einen alten Film wieder anmacht: kurzes Zögern, eine leichte Sorge, dass die Erinnerung schöner war als die Sache selbst. Bei manchen Filmen verschwindet dieses Zögern nach fünf Minuten. Bei anderen bleibt es – und man sitzt da wie bei einem Klassentreffen mit jemandem, der nur noch von früher erzählt.
Wir haben uns zehn deutsche Filmklassiker vorgenommen und gefragt: Funktioniert der noch – ohne Rosarotfilter, ohne 'das war damals alles besser'? Das Ergebnis ist erfreulich uneinheitlich.
Handwerk hält, Effekte verblassen
Die erste Erkenntnis ist so simpel wie beständig: Was an einem Film wirklich Handwerk ist, hält Jahrzehnte. Wolfgang Petersens Das Boot (1981) funktioniert heute noch, weil die Enge des U-Boots keine Spezialeffekte braucht, sondern Schnitt, Ton und Schauspielkunst. Die Klaustrophobie spürt man im Nacken, egal ob der Fernseher 4K hat oder nicht.
Ähnlich bei Die Blechtrommel (1979): Volker Schlöndorffs Bilder sind zwar ihrer Zeit verpflichtet, aber die Geschichte – Oskar, der nicht wachsen will – verliert nichts an Wucht. Das ist übrigens kein Zufall. Filme, die auf einer starken Idee ruhen, altern langsamer als Filme, die auf ihrem Look ruhen.
Und genau daran scheitern dann die anderen. Nicht weil sie schlecht geworden wären, sondern weil ihr größtes Verkaufsargument – die Technik, der Stil, der Zeitgeist – inzwischen im Museum steht.
Der Test: Funktioniert der Film ohne Kontext?
Unser Kriterium war einfach: Schaut jemand, der den Film nicht kennt und die 80er/90er nicht miterlebt hat, heute noch zu – freiwillig?
- Das Boot: Ja, glasklar. Spannung kennt kein Jahrzehnt.
- M – eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, 1931): Überraschend modern. Der Schnitt, die Ökonomie der Erzählung – da kann sich manche heutige Serie eine Scheibe abschneiden.
- Lola rennt (1998): Der Techno-Sound und die Rasanz wirken heute fast frischer als vieles, was aktuell im Kino läuft. Franka Potentes Sprint durch Berlin ist längst Filmgeschichte – aber eine, die noch atmet.
- Good Bye, Lenin! (2003): Der Ostalgie-Vorwurf zerfällt bei zweiter Sichtung. Der Film vermarktet die DDR nicht, er seziert den Umgang mit ihr – und ist zugleich eine der rührendsten Mutter-Tochter-Geschichten des deutschen Kinos.
- Der bewegte Mann (1994): Hier wird's zäh. Was damals als locker galt, wirkt heute stellenweise bemüht. Interessanter Fall: Der Film ist ein Zeitdokument – aber ein Zeitdokument will betrachtet, nicht genossen werden.
Die Kategorie 'geht immer'
Dann gibt es die Filme, die einfach funktionieren wie ein alter Käfer: Man muss wissen, was man hat. Otto – Der Film lebt von einem Komiker auf dem Höhepunkt seines Könnens, nicht von Gags, die an ein Jahrzehnt gebunden sind. Werner – Beinhart funktioniert, weil Zeichentrick-Chaos nicht altert, es sei denn, man hat die Sprüche als Kind auswendig gelernt – dann sowieso.
Und Das Wunder von Bern (2003)? Ist zwar kein Klassiker im klassischen Sinn, aber der Beweis, dass deutsche Filme sehr wohl können, was man ihnen oft abspricht: große Gefühle ohne Kitsch-Lähmung.
Warum das alles relevant ist
Man könnte fragen: Wozu der ganze Test? Ganz einfach – weil die Antwort verrät, was Unterhaltung eigentlich trägt. Es sind nicht die Effekte, nicht die Stars, nicht die Musik. Es sind Figuren, denen man glaubt, und Geschichten mit einem Kern, der auch gilt, wenn die Frisuren komisch aussehen.
Das ist übrigens auch ein Trost für die Gegenwart: Der Film, der heute im Kino läuft und auf aktuellen Trends aufgebaut ist, wird in 30 Jahren vermutlich schwer zu ertragen sein. Und der eine unscheinbare Titel, den gerade niemand auf dem Schirm hat? Der könnte der Klassiker von morgen sein.
Wir bleiben jedenfalls dran – der Katalog wird weiter durchgetestet. Denn genau dafür sind wir hier: für das, was bleibt gleich.